Die Tür des Guten Hirten

Mai 2, 2020 | Archiv – Predigten aus der Coronazeit | 0 Kommentare

Geschrieben von Tomas Kaupeny

2. Mai 2020

Meine Lieben!

 So viel telefoniert wie in den vergangenen sieben Wochen hab ich mein Lebtag lang noch nie. Wahrscheinlich geht´s den meisten von Euch ja genauso. Oft tut dann das überstrapazierte Genick schon a bissl weh. Und das, trotz der von Prof. Otto Lesch empfohlenen „6 x die 8er-Schlinge senkrecht und 6 x waagrecht mit dem Kopf nachzeichnen – alle zwei Stunden, zur Lockerung…“ Es knackst und grammelt dabei abenteuerlich… Aber – immer wieder kommt mir dann Mareike, das Mädchen mit den Mandelaugen, in den Sinn: Damals mag sie vielleicht grad sieben Jahre alt gewesen sein. Hatte beim Besuch von den Eltern zum Geburtstag eine wunderschöne Babuschka-Puppe geschenkt bekommen. Sie war gleich beseelt von der Aufgabe, diese bunt bemalte Holzfigur zu öffnen, um dem nächst kleineren Pupperl herauszuhelfen – und wieder und wieder das nächste – bis sie zuletzt nur mehr ein winziges, das siebte, das letzte Püppchen in der Hand hält. Immer weiter bemüht sie sich, auch dieses irgendwo, irgendwie noch aufzukriegen. Ich versuch, ihr zu erklären, dass da jetzt eben leider nichts mehr drin ist. Entrüstet blickt sie mich an, hält mir das Miniholzkunstwerk ans Ohr. „Psst!“ fleht sie: „Horch!“ – „Geh, was soll ich denn da hören?“ frag ich stirnrunzelnd nach – „Es ruft: `Bitte hilf mir!´“ flüstert sie, vertraut sie mir an. 

Ok – dann telefonieren wir bitte weiter. Es ruft: „Bitte hilf mir…“

 

Wort zum Sonntag

Predigt vom 4. 7. 2021

"Es gibt im Menschen den Hang zur Philosophie des "nichts anderes als...Der ganze Mensch is nix anderes als...". Tomas lädt ein zum Nachdenken über die Versuchung der Abwertung des Anderen und zur Wertschätzung des Lebendigen. (m)EINBLICK – CWs KolumneWas Dich noch...

PROPHETEN-LOS ?

Bibelrunde14. Sonntag im Jahreskreis Halleluja. Halleluja. Der Geist des Herrn ruht auf mir. Der Herr hat mich gesandt, den Armen die frohe Botschaft zu bringen. Halleluja.Eindrucksvoll, wie dieser Vers aus dem Psalm 123 – als „Antwortpsalm“ zwischen den Lesungen –...

Predigt vom 27. 6. 2021

"Zwei Menschen am Abgrund der Verzweiflung begegnen uns im heutigen Evangelium. Zwei Menschen - in den Augen dieser Welt mit aussichtslosen Anliegen..." So beginnt Tomas seine Predigt über die Tochter des Jairus. Er erinnert sich an die Begegnung mit einer jungen Frau...

Bedrohtes Leben

BibelrundeMarkus 4, 35 – 41  Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüber fahren.Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg. Einige andere Boote begleiteten ihn.Plötzlich erhob sich ein heftiger...

Predigt vom 13. 6. 2021 -„Senfkorn“

„Die Worte des Evangeliums atmen ein Wort, dieses Wort ist ein heiliges Wort: Geduld. Alles Lebendige braucht Geduld. Alles hat seine Zeit und alles braucht seine Zeit.“ (TK).Von der Schildkröte Hannibal bis zum ruppigen Friedhofsverwalter am Telefon spannt Tomas den...

Predigt vom 6. Juni 2021

"Familiengeschichten" sind der Ausgangspunkt im Sonntagsevangelium, nicht ungewöhnlich also, dass Tomas Nachschau in der eigenen Familie hält, aber weit darüber hinaus geht und letztlich bei einem der großen Spannungen des christlichen Selbstverständnis landet: den...

Predigt 30. 5. 2021 – Vom Entgegenkommen

"Da trat Jesus auf sie zu." Ausgehend von diesem Wort erzählt Tomas, in welchen Begegnungen und Situationen er das Entgegenkommen Jesu zuletzt erfahren hat. Im Alltäglichen und Zu-Fälligen: Eine Feier im Mutter-Kind-Haus, ein Besuch in einem Obdachlosenhaus,...

Predigt am Pfingstsonntag 23. 5. 2021

"Du kannst die Wahrheit einem Menschen wie einen nassen Fetzen um die Ohren knallen oder du kannst sie ihm hinhalten wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann." Wie es ist, einen Beistand an seiner Seite zu haben, das ist der Ausgangspunkt für die...

Quelle und Fels und Licht und Leben…

Pfingstsonntag   Noch ganz lebendig ist der Eindruck, den die Predigt von Tomas am vergangenen Sonntag hinterlassen hat: Die 99 und noch mehr Namen Gottes…  Was zu Pfingsten geschehen ist, lässt sich wohl kaum wirklich beschreiben. Die Berichte sind voll von...

Gospel zur Einstimmung

Somebody’s knockin‘ at your door,
Somebody’s knockin‘ at your door,
O sinner, why don’t you answer?
Somebody’s knockin‘ at your door.

1 Knocks like Jesus,
Somebody’s knockin‘ at your door;
Knocks like Jesus,…

2 Can’t you hear him?
Somebody’s knockin‘ at your door;
Can’t you hear him? …

3 Jesus calls you,
Somebody’s knockin‘ at your door;
Jesus calls you, …

4 Can’t you trust him?
Somebody’s knockin‘ at your door;
Can’t you trust him? …

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Schriftliche Predigt von

Tomas KAUPENY

zu Joh 10, 1–10

Die Tür des Guten Hirten

„…nicht durch die Tür, sondern anderswo…“

„Bittschön, kumm´ ma ned a so: Ned durchs Hintertürl, ned von der Maschek-Seit´n her! Des hinterrucks nämlich, des mog i goar ned! Sog frei ausse, um was D´ geht – dann können ma gern über ois red´n…“
Na, wer von uns hat diese oder ähnliche Worte noch nie gehört oder ausgesprochen? Weil, ehrlich: Niemand mag sich gern übern Tisch ziehen lassen und der Deschek sein. Und wenn´s dann wieder einmal passiert ist, und im Rückblick durchschauen wir das hinterhältige Manöver, ärgern wir uns, sind wütend auf den anderen – aber letztendlich auch auf uns selber, weil wir halt schon wieder einmal so gedankenlos und unaufmerksam waren. Denn: eigentlich hat der Mensch ja ein sehr feines Gefühl, eine Art sechsten Sinn, der wittert, woher der Wind weht, und was vermutlich dahintersteckt… „Man merkt die Absicht und ist verstimmt“ wurde ja nicht zufällig zum geflügelten Wort.

Nun, an genau dieses feine G´spür appelliert Jesus heut mit einem Bildwort: „Amen, Amen! – Ja, Ja, so ist es: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hinein geht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“
„Stiehl mir nicht meine kostbare Zeit! Du raubst mir noch meine letzten Nerven!“ …
Traurig, aber wahr: Die Art, wie der Mensch zum Menschen kommt, ist immer auch bedroht von Diebstahl, Raub und Gewalt.

Ich erinnere mich an eine lange fruchtlose Diskussion im Großen Saal der Pfarre St. Florian. Immer öfter werfen einzelne Teilnehmer bereits verstohlene Blicke auf die Uhr, die Nerven liegen blank: Engführungen und Beharrungszwänge verleiten beide Seiten dazu, immer lauter, immer heftiger und gereizter zu reagieren: Niemand hört und horcht mehr auf den anderen. Auf der einen Seite die verdienten Kirchenleute, auf der anderen die Jugendvertreter. Und ich bin der Jugend-Verantwortliche…
Verdrossenheit macht sich breit. Es geht – wie so oft – um den Alkohol im Jugendkeller. Und überhaupt – diese `schwierigen Jugendlichen, die Problemkinder´- die Lärmbelästigung und die Tschikstummel im Haus, die Herumschmuserei, etc. etc. etc. Die große Sorge vorgeschoben, wird ständig versucht, irgendwelche Eigeninteressen durchzupeitschen. Zweimal schon wär ich am liebsten aufgestanden und einfach rausgegangen. Da bittet der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende: „Ruhe, bitte Ruhe!! Professor Kurt Adel will uns was sagen, – so: Bitte, Kurt!“ Der kleine, alte Mann erhebt sich, spricht sehr leise, aber ganz klar und deutlich: „Danke, dass Sie mir zuhören. Über der Tür in diesem Saal hängt ein Kreuz. Ich bitte Euch alle, nun wieder einmal auch in diese Richtung zu schauen – wichtiger noch: zu horchen. Das Kreuz hängt über der Tür, durch die wir alle gehen. Was ist der Sinn dahinter? – Danke, dass Sie mir Gehör geschenkt haben.“ Ganz still war´s auf einmal geworden, eine betroffene Stille. Und in ganz anderer Tonart und Stimmung fand diese zunächst so fruchtlos erscheinende Auseinandersetzung wieder zusammen im beidseitigen Versprechen gegenseitiger Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit.

ICH bin die tür

zu den schafen…
Joh 10, 1- 10

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.

In jener Zeit sprach Jesus:
Amen, amen, ich sage euch:
Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
Wer aber durch die Tür hineingeht,
ist der Hirt der Schafe.
Ihm öffnet der Türhüter
und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen
und führt sie hinaus.
Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat,
geht er ihnen voraus
und die Schafe folgen ihm;
denn sie kennen seine Stimme.
Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.

Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus;
aber sie verstanden nicht den Sinn
dessen, was er ihnen gesagt hatte.
Weiter sagte Jesus zu ihnen:
Amen, amen, ich sage euch:
Ich bin die Tür zu den Schafen.
Alle, die vor mir kamen,
sind Diebe und Räuber;
aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
Ich bin die Tür;
wer durch mich hineingeht,
wird gerettet werden;
er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten;
ich bin gekommen,
damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.

 

 

Professor Kurt Adel 2002

„Die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen…“

Vor Jahren bot sich mir auf Wanderschaft einmal überraschend die Gelegenheit, dieses Phänomen mit eigenen Augen zu studieren.

Aus der schattigen Kühle des Waldes trete ich hinaus auf eine sonnengeflutete, weite, abfallende Lichtung: Ein idyllisches Bild wie von einem alten Meister: In einem Weidegatter grast zufrieden eine Schafherde. Unten in der Senke ein kleines windschiefes Gehöft, Rauch steigt aus dem Schornstein. In diesen friedlichen Anblick versunken fahre ich plötzlich irritiert auf: Au weia! Einem Schaf ist es offenbar gelungen, eine lockere Latte aus dem Zaun zu heben. Nun springt´s anmutig durch die entstandene Lücke und – wie in einer Revue: In vollendetem Gleichklang der Bewegung: geordnet, wellengleich hintereinand, folgt eins dem anderen – draußen verteilt sich die Herde großzügig über die weite Fläche. Ich will´s probieren: Umrunde hangaufwärts die grasenden Tiere und versuche, dann von oben runterkommend, die Schafe mit ruhigen Handbewegungen und Rufen in ihr Geviert zurückzutreiben. Fehlschlag. Chancenlos. Sie flüchten. Jetzt steh´n sie alle ganz oben am Waldrand… Also renn ich zum Bauernhaus, klopf ans Fenster. Eine alte Frau mit Kopftuch öffnet, ich erzähl ihr in Kurzform die Misere, „Jessas!“, sie schlägt die Händ vorm G´sicht zam, „da muaß i owa g´schwind ´n Vodda hoin!“ Verschwindet. Zwei Minuten später geht die Tür auf. Der alte krummgearbeitete Bauer deutet einen Gruß in meine Richtung an, trabt dann überraschend flott bergauf. Beim Gattertor bleibt er stehen. Die Hände zum Schalltrichter geformt stößt er zwei kehlige Lockrufe aus. Und – sieh da: Wie von Geisterhand berührt setzt sich die Herde daraufhin in Bewegung. Hintereinand, wie aufgefädelt folgen sie dem Ruf ihres Hirten, nur die entzückenden Lamperln tanzen, im wachen Blick ihrer Mutter behütet, immer wieder übermütig aus der Reihe. Als alle Schafe wieder in Sicherheit sind, befestigt der Bauer mit schweren Stiefeltritten noch das gelockerte Brett, er nickt mir zu, tippt mit dem Zeigefinger an seine Stirn, dankbar zu mir rübergrüßend, kehrt zu seinem Tagwerk zurück.

„Er ruft sie einzeln beim Namen“

Das uralte Kennwort der Heiligen Schrift heißt weder `Gott´ noch `Jesus´, auch nicht `Glauben´ oder `Kirche´, nicht `Himmel´ noch `Hölle´, sondern: ´Höre! Horch!´ Jeden Tag neu in die Schule des Zuhörens geh´n: Einander zuhören und Horchen üben Tag für Tag, zwischen und hinter den Worten horchen. Was willst Du mir sagen?

Die Ereignisse, Eindrücke und Begegnungen abends abhorchen auf ihre Botschaft hin: Was hat mich da dran, da drin so angesprochen?
Und still hinüberlauschen an der Herzenstür ins große Geheimnis…

„Ich bin die Tür“

Die Tür – schlichte Alltagswirklichkeit, allen vertraut, von Kindesbeinen an. Übrigens, merkwürdig: Eine Tür zuschlagen, zukleschen, – das beherrscht jedes Kleinkind relativ schnell, – lang, lang, bevor´s eine Tür öffnen kann. Und die schmerzliche Erfahrung mit in der Tür eingezwickten, eingequetschten Fingern muss wohl jeder selber machen. Nur so lernst du: Aufpassen, Vorsicht und Rücksicht!

Die Tür grenzt ab. Eröffnet Rückzug und Begegnung:
Draußen steht jemand, klopft an und horcht, ob sich drinnen was tut.
Drinnen überlegt wer, soll ich aufmachen, ja oder nein?!
Es gibt die feste, sichtbare Holz-, Glas-, Eisentür…
Vor allem aber: Es gibt eine unsichtbar geheimnisvolle Tür: die Art, wie der Mensch zum Menschen kommt. Vorsichtig, behutsam anklopfend oder lärmend mit der Tür ins Haus fallend, oder…

Rudl erzählt: „I woa jo nie a so a ganz a braver Bua, owa: Wann i irgendwie kann, hülf i an jeden. Des hob i immer so g´hoitn, mei Lebtag lang. Wäu: Der“ – er hebt den Kopf, blickt nach oben, nickt andächtig, „der hot mi a nie im Stich ´lassen. Und i glaub fest dran, dass de Tür da drin“ – Rudl klopft dreimal mit der Faust an seine Brust, einem Anklopfen, eigentlich: Anpumpern ähnlich – „oba hundertpro, sag i D´! – immer wieder aufgeht, wanns D´ Du Di a wieder aufmachst. Und“ – er deutet zur Zellentür hin – „a de Tür wird wieder aufgeh´n und dann hülf i D´ wieder in der Kirch´n mit Deine Leit´ – versprochen!“
Rudis Tür: die stete Hilfsbereitschaft…

Rosi summt, hüftschwingend vollführt sie ihre typischen Tanzbewegungen und taktet mit den Händen einen Rhythmus. Ich weiß, auf diese Art bittet sie um ihr Lieblingslied: `Das Schaf zittert vorm Wolf…´ Bereits die Anfangsakkorde auf der Gitarre sind ihr vertraut, ein breites Lächeln erscheint, sie summt, den Kopf wiegend, mit. „Bitte halt mich fest, wenn der Mut mich verlässt, Du verlässt mich nie…“ Ich erschauere wieder vor den tiefen, schlecht verheilten Bisswunden an ihren Händen und Armen: Jede einzelne erzählt von dieser ohnmächtigen Wut der Verzweiflung, in die Rosi immer wieder – ratlos, missverstanden, so schnell überfordert – ausweglos hineinkippt. „Schritt für Schritt, einer geht immer mit, unsre Brücke ist das Gebet!“ Wir sind bei der letzten Zeile unseres Liedes angelangt. Rosi will´s gleich nocheinmal und dann nocheinmal hören.
Ihre Tür ist das gesungene Gebet. Die zusammenführend heilsame Kraft der Musik.

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Am Krankenlager der alten, frommen Stephanie. Am Sterbetag. „Absterben“ hätt´ sie´s genannt. – „Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Amen.“ hat sie immer gebetet. Ich knie nieder zum `Gegrüßt seist Du Maria…´an ihrem Bett. Wie in Zeitlupe öffnen sich die Augen. Sie spürt, dass ich da bin. Ein Blick , der schon anders und weiter und tiefer sieht, als der unsrige… Ihre Stimme von innen, ganz tief drinnen, geflüstert, gehaucht: „Jetzt kommt die Tür, die alle Türen öffnet.“ Anflug eines gütigen, müden Lächelns. Die Augen schließen sich wieder. Es war der Allerseelentag.
Am Allerseelentag ist sie verstorben.

„Ich steh vor Deiner Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört…“ (Off. 3,20)

Zum Nachdenken und als Gebets-Anliegen

1.
Im Vorübergehen fiel mir hinter der verstaubten Auslagenscheibe eines aufgelassenen Geschäftes ein verdorrter, völlig ausgetrockneter Blumenstock auf. Offenbar hatte man ihn zunächst dort stehen gelassen – und dann einfach vergessen. Dieser Anblick stimmte mich traurig und weckte Mitleid mit der armen Pflanze.
Im Weitergehen fragte ich mich dann: Mein Gott, und wen allen hab ich schon einfach
stehenlassen und dann vergessen…
Ach, – bitte…

2.
Im Vorübergehen wurde ich Zeuge, wie ein kräftiger bulliger Mann einen jungen Hund an der Leine rücksichtslos über den Zebrastreifen einfach hinter sich her schleifte. Der Mann riss an der Leine und brüllte den völlig geängstigten, verschüchterten Welpen an. Dieser Anblick machte mich wütend, ich empfand Mitleid mit dem armen Tier…
Im Weitergehen fragte ich mich dann: Mein Gott, – und wie geh ich oft mit den Kindern um? Wie oft fahr ich einfach über sie drüber…
Ach, – bitte…

3.
Im Vorübergehen erblickte ich eine halbe Schinkensemmel, die auf dem Gehsteig lag. Einige Spatzen pickten begeistert daran herum. Da flatterte plötzlich eine Krähe daher, schnappte sich das ganze Stück und flog damit auf ein Fenstersims, wo sie es gierig verzehrte. Bei diesem Anblick stieg Ärger in mir auf, ich empfand Mitleid mit den hungrigen Spatzen.
Im Weitergehen fragte ich mich dann: Mein Gott, – und wie egal ist mir oft der Hunger
der anderen…
Ach, – bitte…

4.
Im Vorübergehen sah ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein schrottreifes Autowrack. Mit gelben Signalfarben waren auf der Fahrbahn offenbar irgendwelche Unfallspuren rekonstruiert und nachgezeichnet worden. Dieser Anblick stimmte mich nachdenklich. Ich empfand Mitleid. O Gott, da ist gestern oder heute Morgen irgendwer genauso aufgestanden wie ich… und jetzt?
Im Weitergehen fragte ich mich: Mein Gott, – und wie oft bin ich einfach viel zu schnell
dran. Abgelenkt. Unkonzentriert.
Wie viel, – und wie viele überseh´ ich unterwegs…
Ach, – bitte…

Meine Lieben!

Mittwochnachmittag: Edward, unser polnisch-stämmiger Mundharmonika-Virtuose, sucht mich auf: „No bittä – hob ich Froge: Wann is a jetzt wiederr chailigerr Messä?“ Überfordert, traurig, hilflos stammel´ ich: „Edward, es tut mir so leid, aber: Ich kann´s Dir beim besten Willen auch nicht sagen. Leider Gottes: ich weiß es nicht!“ Mehrmals wiederholt Edward seine Frage, als hätt´ ich ihn nicht richtig verstanden. Ergänzt dann: „Ich bin arr Musikanta! Ich mussarr spiellen. – fir unsere Liebe Gott, fir Tommas und fir ganze Gemainde! Oja! Ooojah!“ Die Tränen laufen ihm über die Wangen.
Vermutlich geht´s in abgewandelter Form vielen von Euch grad ähnlich. Mir auch. Ich danke für Eure Geduld, das Ausharren, die Hoffnung – und den Zusammenhalt im Gebet und im täglichen Werk der Nächstenliebe.
Und wie letztlich erwähnt: Vielleicht ist ja grad jetzt a bissl Zeit für den `Zusammenhang´. Das eine oder andere Erlebnis einfach aufschreiben zum uns allen vertrauten Thema: `Am Straßenrand´.

Täglich fest verbunden in Dank, Bitte und Fürbitte

Euer Tomas

PROPHETEN-LOS ?

Bibelrunde14. Sonntag im Jahreskreis Halleluja. Halleluja. Der Geist des Herrn ruht auf mir. Der Herr hat mich gesandt, den Armen die frohe Botschaft zu bringen. Halleluja.Eindrucksvoll, wie dieser Vers aus dem Psalm 123 – als „Antwortpsalm“ zwischen den Lesungen –...

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