InnenZeit

Das wöchentliche CoronEssay von Christian Wetschka

Die Würde des Gartens und der Menschen, Teil 1

Mai 3, 2020 | Archiv – InnenZeit | 1 Kommentar

Geschrieben von Christian Wetschka

3. Mai 2020

(m)EINBLICK – CWs Kolumne

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Ernstl
Es war vollkommen verrückt, zugleich aber auch unausweichlich: Ernstl hatte sich spontan in den Kopf gesetzt, den alten Wurzelstock des Hollerbaums auszugraben. Zwei andere hatte er schon aus der Erde geholt, diesen letzten wollte er UNBEDINGT auch eliminieren. „Das dauert nicht lange!“ Ich wusste, dass diese Einschätzung falsch war. Ernstl forderte meine Mithilfe aber gar nicht erst ein, er begann einfach mit dem Spaten das Erdreich rund um die Wurzel aufzugraben, zuvor hatte er sich mit der Axt und einer Spitzhacke „bewaffnet“. Bald hackte er, die Axt in beiden Händen, mit voller Wucht auf die erste Wurzel ein, die sich ihm in den Weg legte. Damit machte er mir unmissverständlich klar, er würde erst aufhören, wenn er seinen Auftrag erfüllt hatte. Angesichts der fordernden Aufgabe sorgte ich mich, ob er die Aktion unbeschadet überstehen würde. Ernstl kennt keine Grenze. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig: ich holte ich mir auch einen Spaten, einen Maurerhammer und kniete mich zu ihm. Das Loch, das wir entlang der Wurzel graben mussten, war am Ende fast einen Meter tief. Erst nach drei Stunden waren wir fertig. Mit dem letzten Tageslicht füllten wir das riesige Loch mit Erde und setzen an die nun freigelegte Stelle die dafür vorgesehenen Sträucher. Ernstl war mit sich und mit mir höchst zufrieden. Die Wurzeltrophäe erinnert uns nun täglich an das gemeinsame Durchhaltevermögen, die Erfahrung, den anderen nicht in Stich zu lassen und auch nicht im Stich gelassen zu werden, an die Grenzen zu gehen und sich dabei nicht von Rückschlägen entmutigen zulassen, und die Bereitschaft, sich zu einer Verrücktheit hinreißen zu lassen.
Der Garten in der Mentergasse ist wie kaum ein Arbeitsfeld in den letzten Wochen nahezu täglich mein Lehrmeister und mein Anker in dieser Zeit der grenzenlosen Entfremdung. Immer gleiche Auftritte von immer den gleichen Menschen mit den immer gleichen Aussagen verwandeln die Welt in eine Bühne, die von schlechten SchauspielerInnen missbraucht wird (die richtigen lässt man ja nicht spielen). In mir wächst die Wut gegen das Verschwinden meiner Welt. Was mich zuverlässig aus dieser oft bitteren Stimmung herausreißt, ist der Kontakt mit der nackten Erde, den Pflanzen, den Bäumen, dem Wasser, der Wechsel von Licht und Schatten, ja überhaupt: die Teilnahme an den lebendigen Prozessen, die mir im Garten in der Mentergasse begegnen.
Der Garten vor 2012
Nicht immer hatte der Garten in der Mentergasse unsere Aufmerksamkeit. Er hat sich erst nach und nach in unser Bewusstsein eingeschlichen. Seit 2003 ist die Caritasgemeinde in der Mentergasse sesshaft, mit dem regelmäßigen Arbeiten im Garten haben wir aber erst 2012 begonnen, in jenem Jahr, in dem in unserer Gemeinde außergewöhnlich viele Menschen starben. Das Abschiedsfest für meine Mutter feierten wir bereits im Garten. Auf den Garten aufmerksam wurde ich erst kurz davor. Im Herbst hatten wir einige Buchsbäume geschenkt bekommen und ich hatte Alfred gebeten, dass er sie der Mauer entlang eingräbt – das waren die ersten Pflanzen, die wir im Garten beheimatet haben (der letzte Buchsbaum aus dieser Erstpflanzung ist erst voriges Jahr am „Zünsler“, diesem berüchtigten Schädling, zugrunde gegangen). Im Frühjahr 2012 sind mir diese frisch gesetzten „Buxi“ wieder eingefallen. Es war auch damals ein trockener April und ich dachte, man sollte diese neuen Pflanzen gießen. Während das Wasser in die Gießkanne rann, schaute ich mich im Garten um. Es war ein trauriges Bild. Weithin nackte Erde, vorwiegend von Unkraut bedeckt. An allen Ecken farblose Flederwisch-Sträucher, Thujen und Schlimmeres. Einige riesige Bäume, die vermutlich noch von Pfarrer Columbus aus dem 19. Jahrhundert eingesetzt worden waren, tauchten den ganzen Garten in depressive Schatten. Die Trauerweide in der Mitte und der viele Efeu an den verwitterten Ziegelmauern ergaben die perfekte Friedhofsstimmung. Niemand kümmerte sich um diesen Garten, jene, denen er einmal wichtig war, waren längst weitergezogen oder gestorben. In diesem Moment an der Wasserleitung, wurde das „Gartenprojekt“ geboren: hier sollte wieder das Leben einkehren. So wie es unser tiefstes Anliegen ist, den Menschen, die mit uns unterwegs sind, ihre Würde wiederzugeben, so wollte ich dem Garten seine Würde wiedergeben. Wenn ich überhaupt eine Vorstellung davon hatte, was es bedeutet, einen verwahrlosten Garten wieder Leben einzuhauchen, dann eine sehr ungenaue und vor allem eine vollkommen unwissende. Ich hatte vom Wesen eines Gartens keine Ahnung. Meine Idee bezog sich daher mehr auf die Menschen, die man zur Umsetzung eines solchen Projekts zusammenbringt. Der Garten ist ein Begegnungsort, und so musste es auch mit der Gartenarbeit sein: sie sollte Menschen zusammenführen.

Ich befragte damals Otti Neuwirth, unseren langjährigen und hocherfahrenen Gärtnerfreund aus der Caritasgemeinde. Andere hätten mir vielleicht von diesem „Projekt“ abgeraten. Otti aber kann gar nicht anders als Zuversicht ausstrahlen. Bei einem Rundgang durch den Garten, erklärte er mir die ersten Schritte, und ein paar Tage später, exakt am 17. April 2012, war unser erster „Gartentag“. Ich lud eine Gruppe von Menschen aus der Caritasgemeinde ein, einen Tag mit mir im Garten zu arbeiten. Diese Gruppe der ersten Gartenarbeiter steht mir bis heute leuchtend vor Augen: Gabi aus der Alkoholiker-WG Wilhelmstraße, unser polnischer Musikus Edward (damals noch auf der Straße lebend), der rumänische Theologe Konstantin Bukva (der bald darauf verstarb), der treue und stets hilfsbereite Wolfgang Ungersböck aus Meidling (auch er ein ehemaliger Obdachloser), die ungarische Roma-Geigerin Natascha, unser Allrounder Robert aus dem Zillertal, der Salzburger Bäcker Markus, natürlich Gärtner Otti Neuwirth und meine Wenigkeit. Ich „bewaffnete“ alle mit Schaufeln und Harken – mit dem Auftrag das „Unkraut“ im ganzen Garten zu entfernen. Auf der Hausmauerseite fingen sie in einer Reihe an und arbeiteten sich bis zum anderen Ende durch. Einige Stunden später streuten wir schon den Grassamen in die gelockerte Erde. Weil wir keine Walze hatten, legten wir Holzbretter auf den Boden und setzten unser Körpergewicht ein, um den Samen in die Erde zu planieren. Robert, Otti und ich gruben nebenher Bäume und Sträucher aus, die im Weg standen. Markus bemalte im Hof die alten Absperr- Gitter aus der Kirche, die wir zur Dekoration verwenden wollten (sie sind bis heute als Klematis-Lebensraum oder als Wurfgitter in Verwendung). Es war ein beeindruckender und zugleich berührender Auftakt, denn diese bunte Mischung von Menschen, von denen die meisten kein eigenes Zuhause hatten, aber auch ihre Freude an diesem Aufbruch, offenbarte, worum es in diesem neuen „Projekt“ gehen sollte: der Garten würde uns helfen, dem Leben näher zu sein – und uns selber.

Von links nach rechts: Gärtner Otti Neuwirth, Erster Gartentag 2012, Alfred setzt die ersten Buchsbäume ein (2011) Konstantin Bukva aus Rumänien, Markus streicht die Deko-Gitter

Seit 2011, als Alfred den ersten Buxus unten eingepflanzt hat, und seit dem 17. April 2012, als diese bunt zusammengewürfelte Gruppe die Umgestaltung startete, haben unzählige Menschen, manche kürzer, manche jahrelang, ihre Zeit, ihre Kraft und ihr Wissen diesem Garten geschenkt. Und viele haben ihre Spuren hinterlassen. Es ist unmöglich, sie alle zu erwähnen. Stellvertretend möchte ich nur einige in Erinnerung rufen:

Die ersten neuen Sträucher pflanzte Karl Heinisch ein und prägte mit dieser Entscheidung das Gesamtbild bis heute. Mit der Erfahrung des Gärtners – damals noch in der Stadtgärtnerei in Baden– wählte er die Lorbeerkirsche „Prunus“. Diese Pflanzen sind „dankbar“, wie man sagt, und gedeihen bei allen Licht-und Schatten-Verhältnissen und schenken im Mai und April weiße Blütenkerzen.

Mike und Gerti haben einige Saisonen hindurch unzählige Stunden im Garten gearbeitet. Gerti kam zu uns, als ihr Bruder Walter verstorben war. Wir hatten uns beim Begräbnis kennengelernt. Sie war so verloren am Grab und litt sichtlich an diesem Verlust. Ich lud sie ein in die Mentergasse. Schnell wurde sie zu einer wunderbaren Mitarbeiterin, die für uns putzte, bügelte, bastelte und unsere Hausgemeinschaft lebendiger werden ließ. Sie selbst sagt seither immer wieder, dass sie bei uns eine neue Familie gefunden hat. Noch jetzt vor einem Jahr ist sie im Frühjahr am Boden gekniet und hat eine Fülle neuer Pflanzen auf der Parkseite gepflanzt. Im Juni musste sie mit Schmerzen ins Krankenhaus, seither ist sie auf die Gehhilfe angewiesen und kann nicht mehr im Garten arbeiten. Beide, Mike und Gerti, sind in den letzten Monaten ins Seniorenwohnhaus übersiedelt, das sie nun 6 Wochen nicht verlassen durften. Bei unseren Telefonaten fragen sie immer wieder nach, wie es dem Garten gehe und welche Arbeiten wir gerade machten.

Gerti
Mike und Brummi
Markus beim Weg-Graben
Sehr eindrücklich in Erinnerung ist uns allen der Einsatz von Markus Michelbacher im Jahr 2016, als wir die hässlichen, losen Waschbetonsteine, die auch eine Sturzgefahr darstellten, endlich durch einen festen Weg ersetzen konnte. Bevor die professionellen Pflasterer kommen konnten, musste der Weg ausgehoben und die auftauchenden Wurzeln entfernt werden. Auch dabei hatte ich die naive Vorstellung, dass das eine flotte Aktion sein wird. Mitnichten! Waren am Anfang der Woche noch einige Willige zugegen, blieb ab der Wochenmitte Markus allein zurück und kämpfte sich heroisch durch das Erdreich. Auch wenn es regnete, rang er der Erde Meter um Meter Raum ab, biblisch geradezu bahnte er den Weg, auf dem wir alle nun bequem und ohne Sturzgefahr gehen – und Rollstühle und Rollatoren fahren können.
Bäume fällen
Michi Dötsch (1967 – 2019)
Auch 2016 hatte das Gartenamt angeordnet, die Trauerweide in der Mitte zu entfernen, alle Argumente dagegen halfen nichts. So kam es dann zu den aufregenden „Gartentagen“, an denen Viktor mit seinen Helfern zum ersten Mal einige Bäume fällte, die viele fleißige Hände dann mit Sägen und Gartenscheren in kleinere Teile zerlegten und abtransportierten. Die Wiese war damals übersät von Holzspänen.

Mit dabei war damals natürlich Michi Dötsch aus der WG Wilhelmstraße, ein Mann mit den sprichwörtlichen „goldenen Händen“, der nahezu alles reparieren und bauen konnte. Wann immer es seine Psyche es zuließ, kam er in die Mentergasse und tat, was immer zu tun war. Dafür hatte er sogar ein Arbeitsbuch angelegt, in das ich eintragen sollte, was zu tun war. Im Garten baute er Ablagen, hing Blumenkisteln auf, half beim Baumschneiden, beim Zeltaufstellen. Die alte Gartenhütte wollte er zu einer Werkstatt verbessern. So legte er im Rahmen des Wegebaus auch ein Stromkabel unter den Weg, um irgendwann ein Licht in der Hütte zu montieren. Dazu kam es leider nicht mehr. Eine plötzlich hereinbrechende Krebskrankheit mit komplizierten Operationen streckte ihn kurz nach seinem 50. Geburtstag nieder. Voriges Jahr habe ich ihn am Zentralfriedhof in einem einfachen Grab eingesegnet. Ich habe mir vorgenommen, dass wir ihm heuer noch ein würdiges Kreuz an seinem Grab aufstellen. Michi geht uns sehr ab. Nicht nur wegen seiner Fähigkeiten und seiner Hilfsbereitschaft, sondern vor allem wegen seiner erfrischenden Freundlichkeit.

Christian und Markus am Komposthaufen
Ein früheres Komposthaufenteam
2019 und 2020 sind Alex, Ernstl und Hanni jene Personen, die man vor allem im Sommer häufig im Garten antrifft. Sie versorgen die Pflanzen den ganzen Sommer über mit Wasser und sichern damit, dass sich die Pflanzen weiter entwickeln können. Ernstl und Alex mähen regelmäßig den Rasen, der ist mittlerweile so dicht und gut verwurzelt, dass er auch größere Gartenfeste und die wöchentliche Kindergruppe gut übersteht. Dass dieses grüne Meer sich von Jahr zu Jahr mehr festigt und tragfähig wird, erfordert unermüdlichen Einsatz. Nicht einmal war ich an dem Punkt, dass ich daran gedacht habe, diese Mühsal des alljährlichen Reparierens der Lücken aufzugeben und einen perfekten Rollrasen zu legen. Dem weisen und verständnisvollen Rat von Gärtner Otti Neuwirth ist es zu verdanken, dass ich in diesem Punkt dazugelernt habe. Lächelnd ermahnte er mich zur Geduld, ich solle auf Zeit zu setzen – und das beständige „Bodenverbessern“ (am besten mit Effektiven Mikroorganismen!) nie aussetzen. Schnelle Erfolge sollte man dabei nicht erwarten. Der Garten erzieht den Gärtner…
Alex und Stephen
Hanni beim Gießen
Im vergangenen Sommer sah man Dariusz eine Zeitlang im Garten arbeiten. Er fing an, die von Wind und Wetter bereits gezeichnete Holzsitz-Garnitur zu renovieren. Geduldig schliff er die beiden Tische ab, klebte die losen Stellen, zog Schrauben an und lackierte die Holzlatten. Ich war immer sehr bewegt, wenn er es geschafft hatte, sein Vorhaben umzusetzen, war er doch in den in den Monaten davor von einem Krankenhaus ins nächste gewandert. Nach Herzinfarkt, Lungenembolien, schweren Depressionen mit Rückfällen – stand er da und kümmerte sich liebevoll um diese Möbel. Angesichts dieses Bildes musste ich oft an den lieben Maciej Owczarek aus Breslau denken, der damals in einer unserer Alkohol-WGs lebte und sich die Mühe gemacht hatte, einen Blumenhügel im Garten anzulegen. Leider haben sie sich die beiden nie kennengelernt, ich bin überzeugt, sie wären gute Freunde geworden.
Maciej ist vor drei Jahren an einer Leberzirrhose verstorben. Dariusz hatte im Jänner einen Schlaganfall und kann seine linke Hand nicht mehr bewegen. Die Renovierung der Sitzgarnitur wird er nicht mehr vollenden können. Aber er besucht uns gerne im Garten, und wir sitzen an jenem Tisch, den er vor einem Jahr noch renovieren konnte.
„Es war ein wirklich schöner Nachmittag heute!“ sagte er, bevor er letzten Donnerstag nach Hause ging, und das heißt viel in seiner Situation.
Maciej „Matti“ Owczarek
Dariusz Labe

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