InnenZeit

Das wöchentliche CoronEssay von Christian Wetschka

Die Leere (Lehre) des Petersplatzes

von | Apr 18, 2020 | Archiv – InnenZeit, Archiv – Predigten aus der Coronazeit | 0 Kommentare

Geschrieben von Christian Wetschka

18. April 2020

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Über viele der Zeichen, die Papst Franziskus in diesen Tagen gesetzt hat, wird noch lange nachzudenken sein. Die Segensgeste, die er mit der erhobenen Monstranz auf den leeren Petersplatz und hinaus in die Welt schickte, hat auch mich bewegt, – ein Segen hineingesendet in die Leere und Müdigkeit des Menschenherzens…

Der Petersplatz in Rom ist eigentlich ein Platz des Wartens. Viele Tausende Touristen stellen sich für gewöhnlich an, um durch die Sicherheitsschleusen in den Dom zu gelangen. Auch der Einlass zur Mittwochsaudienz des Papstes auf dem Platz beginnt schon zwei Stunden vorher, dann wartet man, bis der Heilige Vater mit dem Papamobil durch die Gänge fährt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Platz besucht habe, aber an das erste Mal im Jahre 1987, als ich mit meinen Freund Juan aus Columbien den Obelisken als Treffpunkt vereinbart hatte, kann ich mich erinnern, und an das letzte Mal: 29 Jahre später bin ich dann wieder vor dem Obelisken gesessen und habe unter den Tausenden Menschen auf einen Menschen gewartet, der nicht kam, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt: auf unsere Theres, die einige Stunden schon wie vom Erdboden verschluckt war und niemand wusste, wohin sie entschwunden war. Während ich notgedrungen in Rom bleiben musste, um Theres zu finden, stieg meine Gruppe schon ins Flugzeug nach Wien. Ich saß alleine vor dem Obelisken und schaute den Tausenden aus der Ferne zu, wie sie scharenweise in den Dom hineingingen und wieder herauskamen. Verlassen von allen guten Geistern, konnte ich nur warten. Das massenhafte Auftreten all dieser Menschen erschien mir nun fremd und absurd. Inmitten der Massen rund um mich galt meine Sorge einem einzigen Menschen. Ich war in eine andere Wirklichkeit eingetreten: nach und nach wurde es still in mir. Ein Vertrauen breitete sich aus. Ich wusste, dass alles gut ausgehen würde. Und so war es dann auch.

 

Auf dem Weg zur Papst Audienz
Diese Romreise im November 2016 stimmte mich in vielerlei Weise nachdenklich. Das Jahr der Barmherzigkeit, das der Papst zum Anlass genommen hatte, Bedürftige aus aller Welt nach Rom zu bitten, bot wie alle derartige Aktionen manchen Menschen und Gruppen Gelegenheiten zur Selbstinszenierung. Andererseits beschenkte mich diese Reise mit unzähligen bewegenden Bildern von Menschen, die an ihre Grenzen kamen und trotzdem mutig weitergingen. Nie werde ich vergessen, wie Markus, der an massiver Platzangst leidet, mit ängstlich verzerrtem Gesicht sich in die vollkommen überfüllte römische U-Bahn zwängte, wie sich Hajdi, ohne zu klagen, im Rollstuhl über das unebene Kopfsteinpflaster schieben ließ, wie Christian mit seinem Gipsfuß, auf Krücken gestützt, mühsam alle Wege mitging, Pauli und Gerti trotz ihrer Probleme mit der Luft mit guter Laune die weiten Strecken absolvierten, wie Andras, gezeichnet von seinem Herzinfarkt, zwischendurch die Kraft ausging und er ein paar Mal zurückbleiben musste und trotzdem nur immer wieder „Danke, Danke, Danke“ sagte, wie Walter es ertrug, dass seine geliebte Kamera gestohlen wurde und Norbert beinahe die Nerven verlor, als die Organisation bei der Papstaudienz ins Unübersichtliche entglitt, und dann noch der Kummer mit der verschwundenen Theres… Fast jeder hatte eine Zumutung auszuhalten, doch alle hielten zusammen.

Die für mich größte Herausforderung allerdings war die Agape nach der Papstaudienz. Die Audienz war einer der Höhepunkte der Reise und fand in der berühmten Empfangshalle, der Sala Nervi, statt. Der Papst hatte für alle Teilnehmer anschließend vor den Toren der Halle, draußen am Platz, ein Mittagessen bestellt. Alle verließen berührt und begeistert von diesem fröhlichen Papst, der sich von Hunderten die Hände schütteln und berühren ließ, ihre Geschenke entgegen nahm, sie unentwegt segnete, Zuspruch gab, die Halle. Draußen wurden die Lunchpakete verteilt. Da es keine Bänke vor der Halle gibt, setzten sich viele auf den Boden oder lehnten sich an die Wände und Geländer rundherum. Es dauerte einige Zeit, bis die Verteilung übersichtlicher wurde, schließlich hatten aber die meisten ihr Essen und aßen stehend oder am Boden sitzend. Doch auf einmal, ohne Vorwarnung, wurden die Vatikanpolizisten, die überall standen und die ganze Zeit nichts gesagt hatten, laut. Sie forderten auf, alle sollten gehen. Die Essenden verstanden die italienischen Polizisten zunächst gar nicht, außerdem konnte niemand glauben, dass man mitten im Essen aufstehen und weggehen sollte, noch dazu unmittelbar nach diesem liebenswürdigen Empfang des Heiligen Vaters… „Avanti, Avanti! Go! Go! Go!“ Die Polizisten ließen nicht locker, steigerten den Kommando-Ton, fassten immer wieder ihre Schlagstöcke an, und vertrieben unerbittlich die Hunderten, die sich kurz zuvor noch als Gäste des Heiligen Vaters gefühlt hatten, unmittelbar vor dessen Haus. Die unvermutet über die harmlos miteinander Mittagsmahl haltenden Menschen hereinbrechende Aggression war ein Schock. Manche ließen ihr Essenspaket am Boden stehen und flüchteten ängstlich vom Platz. Der Papst wusste natürlich nicht, was vor seiner Haustür geschah, doch das Jahr der „Barmherzigkeit“ verwandelte sich ebendort ins bittere Gegenteil. Draußen hatte wieder die Unbarmherzigkeit das Sagen.

Pater Christian Herwartz SJ, der Obdachlosenseelsorger von Berlin, damals ebenfalls mit den Pilgern in Rom, der für gewöhnlich das Jesu-Wort „Ich bin der Weg“ mit „Ich bin die Straße“ übersetzt, hat es dann auf den Punkt gebracht: „Auf der Straße gibt es Gut und Böse, Begegnung und Gewalt. Die Gewaltverhältnisse, die die Armen auf die Straße drücken, wiederholen sich auf der Straße. Doch mittendrin kann ein Dornbusch brennen, der nicht verbrennt, mittendrin, auf der Straße, wo alles offen liegt.“

Pater Christian Herwartz mit dem Dornbusch-Tatoo auf den Unterarmen:

„Christus sagt: Ich bin die Straße“

Ich habe einige Zeit gebraucht, um diesen Dornbusch zu erkennen, denn die Bitterkeit in mir war eine zweifache. Mit uns allen war in dieser Audienzhalle so viel passiert: Berührung, Enttäuschung, Ärger, Müdigkeit, Begeisterung, Freude, Dankbarkeit, Stolz,… Jeder hatte sein Herz offen und das Erlebte noch nicht verarbeitet, – der Hinauswurf traf uns ungeschützt, mitten ins offene Herz. Die zweite Bitterkeit war meine Hilflosigkeit, weil ich mich der Gewalt, die diesen wehrlosen Menschen angetan wurde, nicht entgegenstellen konnte. Die Dornbuschkraft, die ich erst im nachhinein sehen konnte, war die ungebrochene Zuversicht dieser Menschen, die den Vorfall genauso erlebt hatten wie ich, sie aber steckten die Kränkung schneller weg als ich und kehrten unverzüglich zurück zum Miteinander, zur Reisefreude und zur gegenseitigen Zugewandtheit. Die erlebte Hilflosigkeit hatte nicht das letzte Wort.

Was wird nach der Corona-Epoche von den allerorts präsenten Propheten der Nächstenliebe und der Solidarität übrigbleiben? Wieviel Zusammenhalt wird man jenseits der Appelle, Beschwörungen und (Selbst-)Inszenierungen der Menschlichkeit wirklich finden? Was wird „draußen vor der Tür“ wirklich geschehen? Wird die große „Solidarität“ bestehen bleiben oder sich ebenso schnell in ihr Gegenteil verkehren? – Ich habe große Zweifel.

Ich habe große Zweifel, weil die Leere, die uns bedrängt, nicht auf den Plätzen und Straßen, nicht im Sichtbaren liegt, die Leere ist in uns. Die Solidarität mit den Armen ist in Wirklichkeit gering. Unsere Sorge bezieht sich meist nur auf unser unmittelbares Umfeld, auf das, was wir sehen und begreifen. Die seelischen Leiden der Menschen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen werden schon jetzt nicht gesehen. Tausende sterben einsam.
Das Sterben der Regenwälder und der Völker in Amazonien ist unter uns nahezu unsichtbar, wir fühlen es nicht. Das Leiden der Menschen in den Kriegsgebieten, in den Flüchtlingslagern schieben wir schnell weg. Nicht einmal ein paar unbegleitete Minderjährige, Kinder, Alte, Kranke wollen wir aus den Lagern rausholen. Die reale Verbundenheit und Abhängigkeit aller Menschen von allen Menschen hat in unserer Welt und in unserem Bewusstsein keinen sicheren Platz. „Finsternis hat sich auf unsere Plätze, Straßen und Städte gelegt…“, sagt der Papst, und: „Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden“…

Das von Papst Franziskus in die Leere der Plätze und Herzen hineingehaltene Allerheiligste auf dem leeren Petersplatz ist ein Bild der Not, der persönlichen und der allgemein menschlichen – und ein Bild der Not-Wendigkeit. Uns allen fehlt etwas, um das Leiden der Mitmenschen und der Welt zu begreifen. Wir alle erleben schmerzlich die Grenzen unseres Mitgefühls und unseres Vertrauens. Den brennenden Dornbusch, der Mose einst den Mut gab, an seinen Weg zu glauben und den Aufbruch zu wagen, den brennenden Dornbusch inmitten unserer Lebenswege, können wir nicht immer sehen, und manche sehen ihn nie. Mehr denn je brauchen wir den Segen, der die Leere unserer Herzen verwandelt. Und wir brauchen einander, um sehen und fühlen zu lernen.

Eine Bitte zum Schluss:
Claudia Villani, die viele Jahre an der Seite von Ruth Pfau schwerkranke Menschen in Pakistan betreute, bittet in einem bedrängenden Not Ruf-Brief um Spenden für die von Corona bedrohten Menschen in Pakistan. Sie bittet für die Unsichtbaren, die weit Entfernten. Es ist eine konkrete Möglichkeit, eine ungesehene Not in Segen zu wandeln und die Leere des Herzens zu füllen. Ihr Spendenaufruf findet sich auf dieser Homepage.

SPENDENKONTO RUTH PFAU
Lautend auf Claudia Villani
Bei der Ersten Österr. SPK Bankleitzahl : 20 111
Kontonr : 284 226 025 00
IBAN : AT 92 20111 284 226 025 00
BC: GIBA AT WW XXX

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