Ich sende meinen Boten vor dir her

Dez 5, 2020 | Aktuelles, Wort zum Sonntag | 0 Kommentare

Geschrieben von Tomas Kaupeny

5. Dezember 2020

 

 

Wort zum Sonntag

Zum Geleit

 

Grüß Euch Gott, meine Lieben!

Corona hin, Corona her – Amanda wollte mir eine kleine Freude bereiten und hat mir einen `Adventbrief´ – wie sie´s laut ihrer Lehrerin nannte – geschrieben. Selbst geschrieben! Denn Amanda ist sehr stolz, dass sie schon ganz alleine `mit ohne Vorlage´ schreiben kann. Der Brief lautet: „Artvent, Artvent, a Lichtal prennt, erst einz!“ An dieser Stelle endet Amandas Kleinkunstwerk abrupt und es hat mich erheitert, wie variabel man dieses „erst einz“ je nach Betonung hören kann: enttäuscht, vorwurfsvoll, traurig, sehnsüchtig, froh und verheißungsvoll…

Wie auch immer – das zweite Lichtl zünden wir heut´ an, allein, in der Familie oder im kleinen Freundeskreis, verbunden mit den vielen… Und dann, zum dritten, am Sonntag der Vorfreude, versammeln wir uns ja hoffentlich schon wieder in der Kirche!

EIN LIED ZUR EINSTIMMUNG

 

In dunkler Nacht woll´n wir ziehen

Lebendiges Wasser finden

Nichts als der Durst soll uns leuchten. 

Aus Taizé

 

 

Schriftliche Predigt von Tomas

zum 2. Adventsonntag 

Herzen – Stimmen

Ich sende meinen Boten vor dir her. Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Pfade.

 

Die wüsten Zeiten im Leben, – wer kennt sie nicht? Traurig, aber wahr: manche Verwüstung, die wir im Leben anderer hinterlassen oder jene, die andere in unseren Herzen angerichtet haben.

Ich bin am Sand. Ich renn im Kreis. Mir geht die Kraft aus. So kann´s nicht weitergehen. Ich seh keinen Weg mehr.´ Ausgelaugt, ausgetrocknet, innerlich am Verdursten infolge der Hitze und Hetzjagd der Tage. Und die Kälte und Einsamkeit der Nächte… Traurig und niedergeschlagen grüßt der, der ich bin, den, der ich hoffte zu werden. 

2. Adventsonntag

Markus 1, 1 – 8

 

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes:

Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht:

Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.

Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!

So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.

Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.

Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.

Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.

Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Ich bin auf dem Weg zu Maria Wohlers. Vor zwei Jahren haben wir im Familien- und Freundeskreis ihre goldene Hochzeit mit Hans Ellert gefeiert. Und eineinhalb Jahre ist´s nun her, dass eines Nachts mehrere Schlaganfälle Marias Leben von heut´ auf morgen von Grund auf völlig verändert haben. Eineinhalb Jahre Intensivstation im Spital und Pflegewohnhaus… Bei jedem Besuch kam ich aus dem Staunen nicht heraus, wie unendlich tapfer Maria, bei geistig völliger Klarheit unermüdlich übt und sich über die kleinsten Erfolge freuen kann. Zum Beispiel, dass sich der kleine Finger und der Daumen schon wieder ein wenig bewegen. Und dass die eine Hand sich bereits wieder 10 cm anheben lässt. Hans Ellert, ihr treuer Mann, lässt keine Besuchsmöglichkeit aus.

Michi, ihre Tochter, bewältigt nun seit über einem Jahr einen Behörden-Marathon sondersgleichen im Bemühen, die Mutter mit 24-Stunden-Intensivpflegedienst nach Hause zu nehmen. Sie gibt nicht auf, rennt von Pontius zu Pilatus, bleibt in all dem Stress hartnäckig, ruhig und freundlich – endlich ist es so weit: Maria ist wieder zu Hause. 

Unwillkürlich mache ich eine Kniebeuge, als ich das Zimmer betrete. Maria – sprechen kann sie ja aufgrund der Beatmungskanüle nach wie vor noch nicht – schenkt mir ihr weites, gütiges Lächeln zur Begrüßung. Sie legt Zeige- und Mittelfinger an den Mund und schickt mit einer ausgesprochen innig eleganten Bewegung einen Kuss zu mir herüber. Ich erzähle ihr von Erlebnissen der letzten Tage, berichte, wie´s der und dem geht, und ihr Gesicht spiegelt rege Anteilnahme am Wohl und Wehe der anderen.

 „Wollen wir eine kleine Adventandacht halten?“ Ihr Antlitz strahlt auf bei diesem Gedanken, und ich singe die uralten, von Kindheit an vertrauten Lieder. Ihre Lippen formen lautlos jedes Wort mit. Bei Zeilen wie `Still schweigt Kummer und Harm´, `Dass d’doda muaßt leidn im Stall auf da Hoad ´, `Da haben die Dornen Rosen getragen´, `…öffnet mir die Herzen, öffnet mir die Türen, lasst mich nicht erfrieren!´ wirkt sie besonders ergriffen, tief bewegt. Und mit dem doppelten Lidschlag drückt sie ein vielsagend zustimmendes Kopfnicken aus.

Kerzen darf man aufgrund des Sauerstoffgerätes freilich keine entzünden, macht nichts, sie selbst ist mir herzerwärmendes Adventlicht und – ein Johannes!

 

 Johannes beeindruckt durch seine Standhaftigkeit und sein unermüdlich mutiges Auftreten.

Maria beeindruckt durch ihre Sanftmut: wie sie das Eineinhalb-Jahre-Liegen-Müssen, geistig völlig klar und gegenwärtig, annimmt in unbeschreiblicher Geduld.

Johannes trägt notdürftig als Schutz gegen Hitze, Wind und Kälte einen kratzigen Überwurf aus Kamelhaar.

Maria hat notdürftig bloß ein schlichtes Nachthemd an. Würde bewahrend.

Johannes hat einen ledernen Gürtel um die Hüften.

Maria hat um den Hals ein breites Band, – die Kanüle, die im Hals steckt, ist damit befestigt.

Johannes ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig.

Auch Maria kann nur sparsam, ganz langsam und bewusst Nahrung zu sich nehmen.

Beide verkündigen in erster Linie durch die Art, wie sie ihr Leben als Aufgabe annehmen und gestalten, zum Segen für die vielen.

Johannes setzt das Zeichen des Ein-, Unter- und Auftauchens: Erinnere Dich, wie oft hast Du schon gesagt, `Das Wasser steht mir bis zum Hals, die Wellen schlagen über mir zusammen, ich geh unter´ – und Du bist wieder aufgetaucht.

Maria gibt den Relationen eine neue Perspektive: Was ist arg und schwer? Was leicht und locker? Was weiß ich von Dir? Was weißt Du von mir? Was ist unbedingt notwendig? Was überflüssig…?

Maria und Johannes gemeinsam ist das Wissen um jene geheimnisvolle Quelle.

 

Diese Quelle liegt im Verborgenen

Wie gut kenne ich ihr Versteck, auch wenn es Nacht ist.

In der dunklen Nacht dieses Lebens

weiß ich im Glauben um die heilige Quelle.

Ihren Ursprung kenne ich nicht, denn sie hat keinen,

aber ich weiß, dass jeder Ursprung aus ihr kommt.

(Johannes von Kreuz)

…und verkündigte Umkehr und Taufe

 „Nütz´ das Händ´- und G´sichtwaschen für ein kleines Gebet“ hat Georg Sporschill mir vor 40 Jahren im Jugendhaus der Caritas ans Herz gelegt: „Herr, wasch ab meine Schuld, von meiner Sünde mach mich rein!“ (Ps 51, 3000 Jahre alt) Bis heute hilft mir diese kleine Alltagsheiligung im Zwischendrin.

Dominik hat als Zehnjähriger während einer Schulstunde wieder einen seiner traurig berühmt berüchtigten Wutanfälle. Irgendwas geht dann ohne äußerlich ersichtlichen Grund voll mit ihm durch: er stößt Sessel um, fegt Tische leer, spuckt, schimpft, schreit, drischt seinen eigenen Schädel gegen die Wand und schlägt auf andere hin. Mein Repertoire für solche Situationen ist restlos durchgespielt. Als nichts, aber auch schon gar nichts fruchtet, pack´ ich ihn einfach und schleppe ihn Richtung Waschmuschel.

„So“, sag ich freundlich, ja: einladend: „Und jetzt waschen wir in Gottes Namen diese ganze aufgestaute Wut und den Zorn und die hässlichen Worte ab.“ Ich schrubbe sein Gesicht mit der Hand unter eiskaltem Wasser. Er hätte jede Möglichkeit mich zu treten, zu beißen, sich loszuwinden, aber das Gegenteil ist der Fall. Entspannung geschieht. „Noch einmal?“ frag ich. „Unbedingt!“ antwortet er sichtlich erleichtert. Anschließend ist er wie ausgewechselt: „Hab ich wem weh getan?“ fragt er betroffen. Dann beginnt er aufzuräumen, einen Weg zu bahnen.

Ein Jahr später empfängt er die Heilige Taufe – auf seinen Wunsch hin natürlich mit Untertauchen! Fast eine Minute lang verharrt er unter Wasser – den ganzen Kopf in die Glasschüssel getaucht. Ganz still wird´s in der übervollen Kapelle, nur das leise Blubbern, wenn er ausatmet, ist vernehmbar.

Und wenn wir uns heute, 25 Jahre später, begegnen, beginnt er seine Lebensschilderungen oft mit den Worten: „Ich glaub, ich bräucht´ vielleicht wieder einmal so ein `Alles Schirche Runterwaschen´.“

 

Und Johannes verkündet: nach mir kommt einer, der stärker ist als ich… Ich habe euch mit Wasser getauft. Er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

 Johannes, Maria, Georg und Dominik – und, und, und… so viele von Euch – bezeugen mir´s und verweisen mich an den Entgegenkommenden und seine versprochene Kraftquelle.

 

Komm, Heiliger Geist,

erfülle die Herzen deiner Gläubigen

und entzünde in uns das Feuer deiner Liebe.

 

Auf Wiedersehen! 

Ein kleines Wort, ein schlichtes Zeichen, ein lieber Gruß kann so viel, kann so große Freud´ bereiten, – unglaublich, aber wahr: wir alle haben schon diese Erfahrung gemacht. Lasst uns in solcher Bescheidenheit großzügig weiterschenken, wie´s unsere Jugend heuer mit ihren persönlichen Weihnachtserzählungen und –gedanken für die Kranken und Einsamen tut. Wie´s unsere Kinder mit ihren selbstverzierten Kuverts tun. Wie´s viele von Euch tun durchs Kalendersammeln für die Gefängnisseelsorge. Und – wie wir´s alle vermögen, ganz still und leise mit einem kleinen Gebet für Schwester und Bruder.

In diesem Sinne Euch allen einen gesegneten 2. Advent,

von Herzen

Euer Tomas

Liebe Kinder, wenn Ihr folgenden Link aufruft, gibt es noch eine kleine Adventüberraschung.

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