InnenZeit

Das wöchentliche CoronEssay von Christian Wetschka

Die Mentergasse 2.

von Christian Wetschka

4. April 2020

InnenZeit

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Aus Geschichten wird Geschichte. Die Geschichte der Caritasgemeinde sind die Lebensgeschichten der Menschen, die auf ihrem Lebensweg mit uns unterwegs waren und sind. Dass wir in einem alten Pfarrhaus mit langer Geschichte und vielen Geschichten unsere Heimstätte gefunden haben, ist für mich schon ein Zeichen dafür. Die Mentergasse ist sichtbar(e) Geschichte und ein würdiger Rahmen für unsere Geschichten.

Altlerchenfeld 1901

Altlerchenfeld 1901

Die Geschichte des Hauses, die sich anhand der erhaltenen Pfarrchronik bruchstückhaft nachzeichnen lässt, ist manchmal auch lehrreich. Natürlich steht am Anfang die imposante Altlerchenfelder Kirche im Zentrum: sie wurde zu einer Zeit errichtet, in der die Einwohnerzahl Wiens geradezu explodierte und man meinte, man brauche nun eine ganze Reihe von Kirchen für die Massen. Aus der ganzen Monarchie strömten Menschen nach Wien, um hier bessere Lebensbedingungen zu finden. Die traurige Wahrheit jedoch: der größere Teil der Bevölkerung lebte in Armut, schnell wurde man in dieser Zeit obdachlos, Krankheiten grassierten, die Kindersterblichkeit war extrem hoch, die Kriminalität explodierte, manche Teile Wiens waren regelrechte Slums. Inmitten dieser tristen Lebensrealität beschloss man 1848 den Bau dieser bis heute drittgrößten Kirche von Wien (nach dem Stephansdom und der Votivkirche). Das ebenfalls neu zu errichtende Pfarrhaus musste diesem Prestigeprojekt entsprechen, über den genauen Standort allerdings gab es unterschiedliche Meinungen. Dem umtriebigen Pfarrer Franz Columbus, damals noch wohnhaft im dunklen und abgewohnten kleinen Pfarrhaus neben dem alten Kirchlein auf der (Alt-)Lerchenfelderstraße, gelang es in dieser Phase, sogar die allerhöchste Majestät, Kaiser Franz Joseph, auf die Baustelle zu holen, um diesem zu einem Machtwort zu bewegen, das dieser nicht schuldig blieb. Dass das Haus heute exakt an der Ecke zur Lerchenfelderstraße steht, hat man also dem Kaiser höchstpersönlich zu verdanken. Leider war der Kaiser kein Architekt, ebenso wenig wie der eifrige Herr Pfarrer, dem es um den repräsentativsten Ort für sein edles Wohnhaus ging. Nun steht das Haus im wahrsten Sinne zu nahe am nassen Untergrund des zugeschütteten Ottakringbachs und leidet seit nunmehr 140 Jahren an einer nicht zu beherrschenden Feuchtigkeit. Eine Geschichte über die Macht der Unvernunft.

35 Jahre war Franz Columbus Pfarrer in Altlerchenfeld und damit bis heute der am längsten dienende Vorsteher dieser Pfarre. Die letzten 5 Jahre litt er an den Folgen eines Schlaganfalls und starb 1889, im Jahr als Hitler geboren wurde, im stolzen Alter von 92 Jahren in seiner Wohnung in der Mentergasse, also dort, wo wir als Caritasgemeinde seit 2003 zuhause sind. Er war der erste, der 1862 in dieses Haus einzog und es mit Leben füllte. Er legte den Garten an und baute die Mauer, die noch heute steht.

Ein Pfarrhaus der damaligen Zeit war in erster Linie das Wohnhaus des Pfarrers und seiner Kooperatoren (heute: Kapläne), von denen es zur Columbus-Zeit vier gab, und natürlich des Mesners und des Sakristans. Bis Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war das Haus stets Wohn- und Arbeitsort mehrerer Menschen.

Pfarrer Benedykt Cierzniak

Pfarrer Benedykt Cierzniak

Der letzte Pfarrer, der in diesem Haus wohnte, war Benedykt Cierzniak, seinerzeit der zweite polnische Priester in Wien. 1970 war er aus Krakau eingewandert, 1977 übernahm er die Pfarre Altlerchenfeld und führte sie bis ins Jahr 2000. Cierzniak war zweifellos ein Gestalter wie 100 Jahre vor ihm Franz Columbus. In seiner Zeit erlebte das Haus einige Umgestaltungen. Im Erdgeschoß wurden unter seiner Anleitung Wände entfernt, damit Platz für die Gemeinde entsteht (Pfarrsaal gibt es ja bis heute keinen). Und mit seinen Umbauten in der Pfarrerswohnung im ersten Stock leben wir bis heute. Er versetzte die Eingangstüre, damit er ein zweites Badezimmer einbauen konnte, erneuerte die Heizung und die Therme. Die Geräte, die gerade jetzt, 43 Jahre danach, allmählich den Geist aufgeben, tragen alle das Anschaffungsdatum 1977. Kurz vor seinem 80. Geburtstag ist Pfarrer Benedykt wieder in sein ehemaliges Pfarrgebiet gezogen und wohnt jetzt „um die Ecke“ in der Schottenfeldgasse.

Eine besondere Rolle spielte das Haus in den letzten Kriegstagen des zweiten Weltkriegs, als es unfreiwillig dazu beitrug, den Vormarsch der russischen Truppen vom Gürtel her zu verzögern: „In den frühen Nachmittagsstunden bezog SS-Infanterie Stellungen in den dem Pfarrhof nahegelegenen Gassen; den vorgeschobensten Punkt bildete der Garten des Pfarrhauses. Die Stärke der SS-Truppen, welche Haus und Garten besetzten, betrug 30 – 35 Mann.“ (Pfarrchronik).

Heute erinnert draußen an der verwitterten Fassade eine Gedenktafel an jene Gruppe von Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus und Weltkriegs mit diesem Haus und der Pfarre verbunden waren und auf vielfältige Weise Widerstand geleistet haben, nicht zuletzt haben sie die Bombardierung von Altlerchenfeld aus der Luft verhindert. Zur Rettung dieses Stadtteils und der hier lebenden Menschen haben sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Die Bilder, die entlang des Stiegenaufgangs in der Mentergasse hängen, zeigen diese Menschen, die in dunkler Zeit durchgehalten und Menschenleben gerettet haben: den mutigen Mesner Oskar Simak mit seiner Familie (die damals im Haus gewohnt haben), Pfarrer Trapp, Kaplan März, Toni Brunner, Hans Zohar, Doktor Gottwald, Hildegard Kuhn, u. a.

Oskar und Marianne Simak

Oskar und Marianne Simak

Die kleine Marianne Simak, damals 5 Jahre alt – und ziemlich sicher die jüngste Hausbewohnerin, die je in diesem Haus gewohnt hat, ist vergangene Woche am Samstag verstorben. Bei der Enthüllung der Gedenktafel für ihren Vater und seine Gruppe im Jahre 2012 war sie noch dabei. Am Karfreitag, dem 10. April, werde ich sie am Wiener Zentralfriedhof einsegnen, exakt an jenem Tag, an dem 75 Jahre zuvor der Krieg in Altlerchenfeld zu Ende ging und die Menschen aus den Luftschutzkellern kamen, auch die kleiner Marianne, die einen Tag vor der Befreiung, am 9. April 1945, ihren 5. Geburtstag gefeiert hat. Pfarrer Leo Maria Trapp schreibt in der Pfarrchronik:

„Dienstag, 10. April, morgens. Am Tor in der Mentergasse poltert es, durch das Kircheninnere kommen Schritte – uns stockt das Herz… Unsere brave Hauswache! Der böse Spuk ist vorbei. Die Deutschen sind gegen die Stadtmitte zurückgewichen, die ersten russischen Soldaten tauchen auf, Kirche und Luftschutzraum nach versteckter Feindsodalteska zu durchstöbern. Sie finden niemand.
Wir steigen aus Nacht hinauf ans Licht. Wirklich ans Licht! Denn droben wölbt sich azurblauer Himmel, blutrote Sowjetfahnen flattern im Wind. Die Fenster in Kirche und Pfarrhof sind zerschossen, ebenso der Eingang in der Lerchenfelderstraße 111. Doch die Kirche steht – wir leben! …und drüber der Engel des Friedens, der schüchtern, ganz ungewohnt, nach langer, langer Zeit zum ersten Male seine Schwingen über die Plätze, Straßen und Gassen unseres geliebten Wiens breitet.“ (Pfarrer Trapp)

Die Verstorbenen

Bilder der Verstorbenen

Hat man die Bilder der Widerstandsgruppe im Stiegenhaus hinter sich gelassen, begrüßt den nach oben Gehenden ein Meer aus Porträtfotos in schlichten bunt bemalten Rahmen: Verstorbene aus der Caritasgemeinde, ein Bruchteil jener Hunderten von Menschen, die in diesen über drei Jahrzehnten mit uns auf dem Weg waren, manche kurze Zeit, manche sehr lange, alle Teil unserer Geschichte. Fast alle haben Tomas und ich auf ihrem letzten irdischen Weg begleitet. Seit wir begonnen haben, diese Bilder aufzuhängen, hat sich die Menge der Porträts vervielfacht. Nächste Woche werden wir ein Bild von Marianne Simak (Friedsam) dazu hängen. Manchmal, wenn ich an der Bilderflut vorbei gehe, denke ich an das Lied DIE BRÜDER (Los hermanos) von Mercedes Sosa: „Und so gehen wir weiter durch die Welt, gegerbt von Einsamkeit – und in uns unsere Toten, damit wir niemand zurücklassen…“

Ja, niemand soll vergessen werden, keiner, der hier in diesem Haus und dieser Gemeinschaft gelebt und gearbeitet hat, darum bemühen wir uns nach Kräften. Diese Bilder sind die unübersehbar freundliche Mahnung an diesen Auftrag. Und sie erinnern uns daran, dass wir von einem mächtigen Strom lebendiger Beziehungen durch die Zeiten getragen werden und selbst Teil dieses Stromes sind. Alle auf dem Wege zum Licht…

Auf dem Wege zum Licht
Lasset keinen zurück!
Führet jeden mit Euch,
Der vergessen vom Glück,
Dem die Ampel erlosch,
Dem die Glut nie gebrannt.

Der Mensch, der den
Leitenden Stern nie gekannt!
Ein Taumel in der Nacht und Vergessenheit,
Ihr begnadeten Pilger der Ewigkeit!
Führet alle mit Euch
In Liebe und Pflicht!
Lasset keinen zurück
Auf dem Wege zum Licht.

Peter Rosegger

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