In jener Zeit

Dez 20, 2020 | Wort zum Sonntag | 0 Kommentare

Geschrieben von Tomas Kaupeny

20. Dezember 2020

4. Adventsonntag anno Domini 2020

  

Zum Geleit

 

Mit meinen Geschwistern danke ich Euch für die Überfülle an e-Mails, Karten, Briefen und Anrufen. Und allem voran fürs treue Gebet, das uns in dieser schweren Woche begleitet, getragen und gestärkt hat.

Liebe Kinder, die Weihnachtskarten für all die Pflegebedürftigen, Kranken und Gefangenen der Gemeinde sind in Euren bunten Kuverts bereits unterwegs und werden viel Freude bereiten.

Die Jugend begibt sich am Samstag dann neu auf den Weg und setzt ihr ganz persönliches Zeichen für die Einsamen: Du bist nicht vergessen. Ich hab an Dich gedacht.

Ich danke für den neuen Zusammenhang, der rechtzeitig vor Weihnachten aus der Druckerei kam und dessen Versand in gewohnter Weise großartig geklappt hat.

Die vielfältigen Weihnachtsvorbereitungen sind dank so vieler aufmerksamer Herzen und fleißiger Hände voll im Gange. Segen´s Gott!

 

Möge Dir und mir, möge uns allen aber auch die Zeit geschenkt sein, trotz altvertrautem Weihnachtsputz und Aufputz die Stille zu suchen, um nach innen zu horchen ins Große Geheimnis hinüber…

 

Wort zum Sonntag

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Zur Einstimmung:

Lea und Sebastian singen

„Komm und schau“

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Schriftliche Predigt von Tomas zum 4. Advent

 In jener Zeit

Waren am Gründonnerstag nach dem Gloria die Glocken nach Rom abgeflogen, traten am Karfreitag die Ratschenbuam mit ihren Listen und Sammelbüchsen auf den Plan. Die knarrend knatternde oder harte Hammerschläge produzierenden Krawallmacher faszinierten mich genauso, wie ihr auswendig gelerntes Sprücherl:

„Wir ratsch´n, wir ratsch´n, in englischen Gruaß,

den jeder katholische Christ betten muaß.“

Nun, den englischen Gruß kannte ich natürlich mit meinen zehn Jahren bereits, und die kleinen Spottverse dazu auch:

„Hallo, how do you do?“, – „Burli, mit die Gummischuh!“

„Thankyou, very much!“ – „Hupf in Gatsch“

Oder, noch einmal vereinfacht: „How do you do?“ – „Hau i di a!“

Die Erwachsenen aber klärten mich auf: „englisch“ ziele nicht auf die Sprache ab, sondern meine den „Engel“ aus dem Gebet ´Der Engel des Herrn´. Und weil´s jetzt morgens, mittags und abends kein Engelläuten, Angelusgeläut, gibt, erinnern eben die Ratschenbuam daran, vor den Mahlzeiten gemeinsam den `Engel des Herrn´ zu beten, sich an dieses Glaubensgeheimnis zu erinnern.

Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist.

Gegrüßt seist Du, Maria…

Maria sprach: Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach Deinem Wort.

Gegrüßt seist Du, Maria…

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Gegrüßt seist Du, Maria…

 

Freilich, grad dieses Gebet öffnet kindlich vielfältiger Interpretation Tor und Tür:

`Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft…´ Bertl hörte immer `Der Engel des Herrn brachte Maria die „Botsch´n“´ (hochdt.: Patschen, – so, wie der treue Familienhund zur Heimkehr des Vaters stets brav die Patschen apportiert…)

`Und das Wort ist Fleisch geworden´- ließ Kathrin das Wasser im Mund zusammenlaufen, weil sie an die von der Mutter für Sonntag in Aussicht gestellten Fleischlaberln dachte.

`… und hat unter uns gewohnt´ – war meinem Onkel Poldi als Bub rätselhaft und verwirrend: „Aber – unter uns wohnt doch die Frau Wopruschalek, na ja – vielleicht, dass vor ihr schon, früher, wirklich das Wort dort gewohnt hat?“

Erstaunlicherweise formen sich in Kinderherzen aus dem, was sie verstehen und sich zusammenreimen, neue faszinierende Wege, die wiederum zu allerlei Entdeckungsreisen einladen: Das Angelusgebet war mir lieb, und gern ließ ich mich vom Glockenklang oder eben den Ratschen zumindest daran erinnern – verknüpfte es aber blitzschnell innerlich mit dem wesentlich kürzeren `Schutzengel mein, lass mich Dir befohlen sein´.

Denn ich war wild, wie ein übermütiges Fohlen, und so gewann das Wort für mich an Sinn und Leuchtkraft: `Lass mich Dir ein Fohlen sein! Ach: Schutzengel, schau auf mich.´ Denn: Schutzengel brauchte ich überlebensnotwendig und strapazierte sie wohl über die Maßen. Erfahrungen dieser Art hatte ich längst zur Genüge gemacht.

Während die kindlichen Missverständnisse aber herzerfrischend beleben, wirkt die Hauptfrage vieler Erwachsener, dieses Gebet betreffend, leider als Engführung:

Und – wie war das jetzt wirklich mit dieser unbefleckten Empfängnis, der Jungfrauengeburt?

Vor, während, und nach der Geburt?

Jesus kann doch gar keine Geschwister gehabt haben, wo bliebe denn sonst die Jungfräulichkeit Mariens…

Schade. Als ob´s da um Anatomie ginge.

Nun, Maria war damals ein großes, reifes Mädchen von etwa 12 Jahren. Wir dürfen annehmen, an Mutter Annas Hand ist sie von klein auf in Frömmigkeit und Gottvertrauen hineingewachsen, mit mindestens ebenso viel Sorgfalt, wie sie all die hauswirtschaftlich anfallenden Tätigkeiten erlernt und eingeübt hat.  Verlobt, versprochen war sie bereits diesem kräftigen, geschickten Bauarbeiter namens Josef, einem aufrichtig frommen, jungen Mann. Ein Großteil ihres Denkens und Fühlens richtete sich wohl auf diesen ihren Zukünftigen, malte lebhafte Bilder vom einträchtig guten Miteinander einer großen Familie. Doch das war noch nicht alles: da gab es auch noch diesen, dem ganzen Volk verheißenen Zukünftigen, den eine junge Frau laut alter Vorhersage empfangen würde – ach, welche Ehre müsste das vor allen anderen sein, den Messiaskönig, den Befreier des Volkes, den Retter aus jeglicher verhassten Fremdherrschaft zur Welt bringen zu dürfen.

Ich schreite dem Brautpaar voran durch das lange Spalier einer extravagant gekleidet, großen bunten Truppe. Der Dirigent und musikalische Direktor des Badener Stadttheaters und seine Frau, Primaballerina an der Wiener Staatsoper, feierten ihre kirchliche Trauung, eine riesige Künstlerkollegen-Schar hatte sich eingefunden, und genoss die Hochzeit begeistert in vollen Zügen. Als ich durch´s große Kirchentor ins Freie trat, erblickte ich die elegante Kutsche, zwei kräftige Schimmel im Gespann. Der Kutscher in Frack und Zylinder lehnte am Wagen, die lederbehandschuhten Finger am blitzblanken Türgriff. Orgelbraus erdröhnt, vielstimmig volles Glockengläut. Das Brautpaar erscheint. Aufjubeln der Menge. Applaus, Reis- Konfetti-Regen. Mein Blick fällt auf ein vielleicht zehn, elfjähriges Roma-Mädel in ausgelatschten Flip Flops, löchrige Leggings an den dünnen Beinen; das T-Shirt mit ausgebleicht abblätterndem Aufdruck. Ein Glitter-Haarreif bändigt das pechschwarze, lange Haar. Mit offenem Mund steht sie da, bemüht, mit großen Augen jede Kleinigkeit aufzunehmen, einzusaugen, sich einzuprägen. Wie in Trance wirkt das große Kind; ich ahne, sie träumt sich selbst in die heilige Tiefe dieser Situation hinein, spürt innige Sehnsucht nach dem Zukünftigen, dem Traumprinz, dem Erlöser.

„Dragana, kommst Du – haide, haide, brzo, brzo, roboti – Dragana!!“ ruft eine verärgerte Frauenstimme in den Trubel hinein. Dragana aber ist ganz hingegeben, ganz Schauen, Horchen, Spüren – ist vielleicht Gottes Engel bei ihr eingetreten?

 

Nun: Statuen mit ernsten, oft auch strengen gotischen Mienen, oder pausbäckig gut genährte Kinder, frohsinnig musizierend im Barock, das „himmlische Geflügel“ darüber, wie Karl Heinrich Waggerl die Putten nannte… oder eben auch die vielen Engeldarstellungen der Malerei durch die Jahrtausende prägen unser Engelbild. Dabei ist das Wesen des Engels aber gerade nicht die Gestalt, sondern immer die Botschaft, für die er Sorge trägt, und die zu überbringen er sich redlich die allergrößte Mühe gibt. Denn er, sie, es – ist ja Dienstbote, aus dem großen Geheimnis entsandt, uns den Weg zu weisen. Der Engel winkt, klopft an, pocht an die Herzenstür, tritt leise ein. Der Engel spricht, spricht Dich an, grüßt Dich und will Dir die Angst nehmen. „Fürchte Dich nicht“ ist sein erfühlbares Kennwort. Er ermutigt und hilft guten Gedanken, die in Dir heranreifen, auf die Sprünge. „Aber -, wie kann, wie soll das gehen?“ fragst Du – „Man muss nur gehen, Schritt für Schritt im Gottvertrauen“ verspricht der Engel.

 

Ich wanderte an der langen Reihe der wiederkäuend ruhenden Mutterkühe mit ihren Kälbern vorüber, als plötzlich ein unheilvolles Gepolter in dem Gebüsch an der steilen Böschung losging. Und – so schnell konnte ich bebenden Herzens gar nicht schauen, – steht da ein bullig zotteliger, wutschnaubender Stier mit langen, spitzen Hörnern vor mir, ein stattlicher schottischer Hochlandbulle. Wütend stampft er den Boden, reißt den gewaltigen Schädel hin und her, peitscht mit dem Schwanz und brüllt kehlig heiser auf: Schauriges, angsteinflößendes Bild urwüchsiger Kraft.

Davonrennen? – chancenlos! Ihn schreiend mit erhobenem Stecken forsch angehen? – lächerlich! „Schutzengel mein…“ Auf einmal war ich innerlich ganz leer, klar, unheimlich ruhig und horchte. Mach ganz langsam kehrt und geh bedächtig, Schritt für Schritt, den Weg zurück – Du darfst Dich nicht ein einziges Mal umdrehen. Geh, geh ganz ruhig. Fürchte Dich nicht. Und ich tat so, während ich knapp hinter mir sein Schnauben und Geifern und den harten Auftritt seiner Hufe auf dem geschotterten Weg vernahm. Als ich an den Mutterkühen und Kälbern vorbei war, blieb er stehen.

Unfassbare Dankbarkeit, Staunen.

 

Ich war in großer Sorge: Unterwegs zu einem vermutlich sehr schwierigen Gespräch, von dem aber viel abhing. Überlegte hin und her, wie beginnen, wo Akzente setzen? Und – würde es mir gelingen, ruhig zu bleiben und klar zu sprechen? Aber – wenn sie wieder beginnen, mich zu provozieren, was mach ich dann…? An einer Großbaustelle gedankenschwer vorbeihastend, bleibt mein Blick plötzlich an einem Geröllhaufen hängen. Auf dem steinigen Bauschutthügel wucherten Königskerzen und blühten in verschiedenen Farben. Offenbar nahezu ohne Wasser. Nur Sonnenlicht trinkend, und sich im Boden verankernd, tun sie, was sie können, was ihre Aufgabe ist: Wachsen. Blühen. Reifen. Frucht bringen. Sie nahmen mir die Angst. Mit Gottes Hilfe werde auch ich einfach ehrlich bleiben, ohne zu tricksen und zu pokern. Ich werde tun, was ich kann.

Gestern ist mein geliebtes Bruderherz Tommi verstorben. Sechs Tage war er mit Lisi im Spitalszimmer auf der Covid-Station, sie wachte, selber mit schweren Symptomen belastet, sechs Tage und sechs lange Nächte an seiner Seite, ohne zu schlafen. Heiliges Mutterherz. Sie läutet nach dem Arzt, wenn die Sauerstoffsättigung wieder rapide abfällt. Sie ist Tommis große Lebens-Sicherheit. Immer wieder intoniert er das Lied vom kranken Kind:

„Ach, Tommi, kuschel´ Dich tief in Gottes Hand hinein, schlaf ein, träum von der Weite,

unser Lied, unser Gebet, Tommi, wird bei Dir sein

– ein Engel wacht an Deiner Seite.“

 

Sie ist sein Engel, er der ihre. Heilige Nähe.

 

Oft singt er auch jene Zeile aus dem Engellied:

„…und manchesmal, wenn ich so traurig bin, kommt Dein Engel ganz nahe zu mir hin

und sagt, ganz leis: `Gott weiß den Weg, ´s darf sein.

Mh mmmh! Horch, ich lass Dich nie, nie allein.´“

 

Gestern früh hab ich noch mit ihm telefoniert. Er klingt, wie meist, heiter, erzählt vom guten Kaffee und schildert stolz die Überreichung der Tapferkeits-Goldmedaille, die Martin geschickt hat.

Meine guten Schwestern waren beide bei ihm, als er sich am frühen Nachmittag auf den Weg gemacht hat.

 

Heut´ Nacht stand er plötzlich in meinem Zimmer. Ich nehme an, es war im Traum: Er erschien in der Tür. Trägt einen neuen, saloppen, haselnussbraunen Freizeitanzug, der ihm ausnehmend gut steht. Er hat auch wieder fülliges Haar und einen feschen neuen Haarschnitt. Jung und unternehmungslustig strahlt er mich an, öffnet seine Hände in empfangender Bewegung und lacht: „Na, was sagst…?“

Meine Lieben, 

als Tommi sein Leben ganz und für immer in die größeren Hände zurückgelegt hatte, da lag in seiner Hand, wie immer, das kleine Engel-Medaillon. Vor vielen Jahren hatte er es mit selbstverdientem Geld stolz in Mariazell erstanden. Wenn er es aufklappte, blickten ihn die Mutter Maria und das Jesuskind an. Bettete er sich zur Ruhe, musste es unter seinem Kopfpolster liegen, sonst konnte er nicht schlafen. Es hat ihn begleitet, tagaus, tagein, im Auf und Ab des Weges, in Freud und Leid. Er hielt sich daran fest Tag für Tag,  `jetzt – und in der Stunde unseres Todes. Amen.´

Möge das milde Licht der vierten Kerze am Adventkranz vielleicht auch Dir und mir so ein tiefes Herzensbild werden. Ein abrufbar inneres Bild, das tröstet und ermutigt. Es mag Halt geben und Besinnung schenken auf das Wesentliche in diesen vorweihnachtlich, oft rastlosen Tagen, in denen sich erfahrungsgemäß häusliche Streitigkeiten häufen und einsame Traurigkeit vielen zusetzt.

Das wünscht und erbittet mit Euch, sehnsüchtig,

von Herzen

Euer Tomas