InnenZeit

Das wöchentliche CoronEssay von Christian Wetschka

Der 30. Mensch.

von | Mai 24, 2020 | Archiv – InnenZeit | 1 Kommentar

Geschrieben von Christian Wetschka

24. Mai 2020

Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen… (Mk 1,29)

(m)EINBLICK – CWs Kolumne

Unterwegs nach Galiläa

InnenZeit Das wöchentliche CoronEssay von Christian Wetschka(m)EINBLICK – CWs Kolumne„Und sie gingen hinaus und durchzogen die Märkte, verkündigten die Frohe Botschaft und machten gesund an allen Enden.“ (Lk 9,6). Jesus hatte keine eigene Kirche, keinen Platz, auf dem...

Fußballspiele vor leeren Stadien, Sänger vor leeren Sälen, Priester vor leeren Kirchen, Begräbnisse ohne Trauergemeinde, Lokale, wo man Essen nur an der Ausgabestelle abholen kann, Gottesdienste, in denen nicht mehr gesungen wird (wegen der Aerosole), Menschen, die hinter Masken verschwinden,…

Die Kontrolle hat die Mystik überrollt. Das Geheimnis flieht. Haben wir ihm bereitwillig die Türen geöffnet? Wenn die Coronazeit mich etwas gelehrt hat, dann, wie schnell Menschen um-denken und sich eine „neue Vernunft“ durchsetzen kann.

Nein, es ist uns überhaupt nicht gelungen, dass wir der Entmystifizierung unseres Lebens etwas entgegensetzen und die Bereiche des Unverfügbaren und der inneren Freiheit vor den Zugriffen verfremdender Kräfte schützen. Wir haben sensible und wertvolle Bereiche unseres Lebens der Entwürdigung preisgegeben. Allerdings: diesen Kampf haben wir vielleicht schon vor Corona aufgegeben…

 

„Corona“ ist nicht nur eine Krankheit und eine Gefahr, es ist auch das, was Menschen daraus gemacht haben und weiterhin machen werden. Das „Prinzip Corona“ ist eine Provokation für Menschen, die eigenständig zu denken gewöhnt sind – und eine Versuchung für die anderen, die vorzugsweise von irgendetwas oder irgendjemand abhängig sind. Das Starren auf ein Problem, vereinfacht die Welt. Sich der der diffusen Angst überlassen, die großzügig und gratis über alle Kanäle verteilt wird, kann Orientierung geben. Das sind altbekannte Wahrheiten, die bekanntlich auch gewinnbringend genutzt werden.

 Die Rede von der neuen Normalität hat mir besonders wehgetan, denn sie ist ein Widerspruch in sich. Man kann eine „Normalität“ nicht von einem Tag auf den andern konstruieren. Das Leben ist komplex, der Alltag ist es. Die „Normalität“ ist der kleinste – oder größte – gemeinsame Nenner aller Vorgänge und Sichtweisen im Zusammenleben von Menschen, sie ist konkret, schützend, gibt Orientierung, sichert ein Lebensgefühl, vor allem aber: sie wird von allen „gemacht“, nicht von einzelnen, die eine „neue“ Normalität herbeireden. Normalität wird nicht postuliert, sondern entsteht, sie ist kein Produkt, sondern ein Prozess.

 Soetwas wie die von Nietzsche formulierte „Umwertung der Werte“ haben wir nun praktisch erlebt. Dass diese als zwingend von allen angenommen wurde, erlebt man in dieser Weise vermutlich sicher nicht oft im Leben:

Abstand halten sollte auf einmal der neue Ausdruck von Zuneigung sein. Die heilende und befreiende Begegnung, die Pädagogik, Therapie, Sozialarbeit und auch Glaubensleben im Kern vor kurzem noch überhaupt erst ermöglicht hat, war auf einmal gefährlich, lebensgefährlich. Nahe Menschen im Seniorenwohnheim durfte man nicht besuchen. Der Nächste wurde mit einem Mal zu einer potentiellen und prinzipiellen Gefahrenquelle. Und vor allem: man selber wurde zu einer Gefahrenquelle. Wir alle sollten es lernen, dass Nähe ungesund ist und vielleicht auch (das neu entdeckte Prinzip Homeoffice!), dass man vielleicht gar nicht so viel Nähe braucht im Leben.

 

In den Hospizen begegnete man in diesen Wochen absurden Situationen: Die Mutter wird in den nächsten Stunden sterben. Die drei Söhne kommen noch einmal auf die Station. Nach der Corona-Regel darf nur ein Angehöriger zu ihr, um sich zu verabschieden. Die drei Söhne müssen entscheiden, wer von ihnen nun zu ihr darf. Die anderen darf die Mutter nicht mehr sehen. Wie geht es dem Einen? Wie den beiden anderen? – Und wie der Mutter? (Ich habe noch nicht begriffen, ob man Angst hatte, dass sich die sterbende Mutter mit dem Corona-Virus ansteckt…)

Auf den Friedhöfen ähnliche Konstellationen: 6 Leute versammeln sich vor der Aufbahrungshalle. Nur 5 sind erlaubt, der Bestatter sagt sehr deutlich, was Sache ist: der 6. muss wieder gehen. Wie haben sich die 5 gefühlt, und wie jener, der gehen musste?

Am Schedifkaplatz dürfen – nach der Öffnung – nur 29 Menschen die Hl. Messe besuchen. 10 Quadratmeter pro Person. Mehr geht sich nicht aus.

Und so weiter.

 

Jesus gibt den Menschen Platz. Den Aussätzigen führt er zurück in die Mitte der Gemeinschaft, gibt ihm sein Gesicht wieder. Er heilt von der Ausgrenzung, nicht nur von der Krankheit. Er gibt den Ausgegrenzten zunächst vor allem eins: den Platz am eigenen Herzen. Er heilt durch Berührung, Nähe, durch Präsenz.  

 

Wie geht er um mit dem 30., der nicht mehr in die Kirche darf? Mit dem 31.? Wird er ihn wegschicken?

Jesus lädt alle ein, habe ich irgendwo gehört. Er kennt nur eine Zahl, die EINS: DEN EINEN und DIE EINE.

Er kennt keinen 30. und keinen 32.,…

 

Denke ich.

Sicher kann man es auch anders sehen.

 

 

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